eine Leidenschaft
...die Leiden schafft

Krankenhaus statt Podium

Bei meinem letzten Saisonrennen in Eugendorf bei Salzburg wollte ich noch ein gutes Ergebnis einfahren und dann zufrieden meine Saison beenden. Das war der Plan – aber wie es eben so mit Plänen ist, sie klappen nicht immer. Es begann alles recht vielversprechend. Bei bestem Wetter stand ich - und noch ca. 1.500 andere Radbegeisterte - in Eugendorf am Start. Neben den Prominenten, wie Eddy Merckx, Rudi Altig und dem ehemaligen Skispringer Andi Goldberger gab es leider auch jede Menge Topfahrer. Kurzum: Es war alles vertreten, was Rang und Namen hatte.

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Kurz vor der Streckenteilung

Pünktlich um 8:00 Uhr wurden wir mit einem lauten Salutschuss auf die wunderschöne Strecke geschickt. Diese hatte ein welliges Profil, jedoch keine richtig langen Anstiege zu bieten – zum Glück ;-) Der Nachteil einer solchen Topographie ist, dass sich das Feld nur sehr schwer auseinander zieht und so sind wir dann mit einer sehr großen Gruppe bis zur Streckenteilung gefahren. Diese befand sich nach ca. 100 Kilometern direkt in einem Anstieg. Mir ging es an den Anstiegen überraschend gut, musste jedoch an diesem längeren Anstieg die Schnellsten ziehen lassen. Ich hatte noch Blickkontakt und sah, dass sich bei der Streckenteilung nur 3 Fahrer vor mir auf die kurze Runde machten. Der Abstand auf diese 3 Fahrer war nicht sehr groß und so wollte ich lieber auf der kurzen Runde um den Sieg fahren, als auf der langen Strecke (nur) um einen Top-Ten-Platz zu kämpfen.

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Der Start in Eugendorf

Ich konnte den Vorsprung noch auf der folgenden Abfahrt verringern und bekam dann sogar noch Unterstützung von hinten. Es kam eine Vierer-Gruppe an und so machten wir uns zu fünft auf die Verfolgung. Ein paar Kilometer vor Eugendorf haben wir sie dann eingeholt. Gerade als sich die beiden Gruppen vereinten, hatte ein Fahrer von den drei Führenden noch eine Panne und so bestand unsere neue Gruppe nun aus 7 Fahrern. Es war klar, dass uns keiner mehr einholen würde und so konnten wir den Sieg unter uns ausmachen. Die letzten 800 Meter bis zum Ziel hatte ich mir vor dem Rennen genau angesehen und so hatte ich meinen Schlachtplan schon zurechtgelegt. Wie schon die letzten Monate zuvor, habe ich mich auf flachem bzw. welligem Terrain sehr wohl gefühlt. Auch im Sprint hatte ich mich die ganze Saison über immer gegen meine Gruppe durchsetzen können. Ich möchte nicht überheblich klingen, aber ich wäre mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit aufs Podium gefahren. Ich hatte sogar eine sehr, sehr große Chance zu gewinnen, aber es sollte leider nicht sein.

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Irgendwo auf der Strecke

Wir fuhren auf einer sehr breiten und geraden Bundes- bzw. Schnellstraße und hatten laut Tacho nur noch einen guten Kilometer bis zum Ziel. Ich konnte lange Zeit keine Schilder mit Pfeilen oder Streckenposten erkennen, dann kam jedoch auf der linken Seite eine Abfahrt. Hier stand ein Polizist und dann sah ich auch zwei in orange gekleidete Streckenposten. Der Erste (ein älterer Mann) hat mit seiner Fahne aufgeregt geradeaus gewunken. Der zweite Streckenposten war eine ältere Frau und die hat mit ihrer Fahne nach links gezeigt. Unsere komplette Gruppe war völlig verwirrt, es wurde laut geschrien und keiner wusste wohin. Der erste Fahrer unserer Gruppe kannte die Strecke wohl aus den Vorjahren und ist selbstsicher links abgebogen. Die folgenden Fahrer waren sich jedoch - wie ich auch - nicht sicher. So wollten wir zunächst geradeaus fahren, bis wir irgendwann überzeugt davon waren, das es doch links weiter ging. Im aller letzten Moment bin ich links abgebogen, leider wollte der Fahrer hinter mir wohl immer noch geradeaus weiterfahren. Er hat mein Hinterrad jedenfalls mit ca. 30 km/h gerammt und mich mit Schwung auf die Straße befördert. Er selber, konnte sich gerade noch so auf seinem Fahrrad halten uns ist wie alle anderen, letzten Endes auch links abgebogen. Während meine Gruppe ein paar hundert Meter weiter um den Sieg gesprintet ist, lag ich leider auf der Schnellstraße. Ich hab sofort gemerkt, dass rechts im Bereich der Schulter etwas gebrochen bzw. gerissen sein musste. Außerdem konnte ich kaum noch stehen und mein Becken bzw. Hinterteil hat extrem geschmerzt. Ich konnte mein linkes Bein fast nicht mehr heben und bewegen. Nach den ersten Schrecksekunden habe ich die beiden Streckenposten ermahnt, dass sie nicht in unterschiedliche Richtungen winken sollen. Da kam schon die nächste Gruppe an und der ältere Mann (ca. 70 Jahre alt) hat wieder geradeaus gewunken. Der Polizist wollte irgendwie auch nicht eingreifen und so habe ich gemeinsam mit einem Zuschauer auf die beiden Streckenposten eingeredet - leider ohne Erfolg. Die Frau wollte nicht verstehen, warum sie auf der rechten Straßenseite stehen sollte. Da hätte man sie schon einen Kilometer im Voraus gesehen. Der Mann war total verwirrt und war mit der Situation völlig überfordert. Ich musste noch eine viertel Stunde auf den Krankenwagen warten und in dieser Zeit hat sich an dieser gefährlichen Situation nichts verändert. Der Mann hat immer geradeaus und die Frau nach links gewunken. Alle die das Eddy Merckx Classic schon mal gefahren sind, ließen sich wahrscheinlich von dem älteren Mann nicht irritieren.

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...immer noch auf dem Fahrrad

Als die Rettungskräfte endlich da waren, wollten sie mich nach Salzburg ins Krankenhaus fahren. Das wollte ich jedoch nicht und so habe ich unterschrieben, dass ich auf eigene Gefahr den Rettungswagen wieder verlassen durfte. Leider wollten sie mir keine Schmerztablette geben, die hätte ich erst im Krankenhaus bekommen. Ich musste nun noch ca. eine halbe Stunde auf meinen Vater warten, bis dieser über den Zielsprecher ausgerufen wurde. In dieser Zeit lehnte ich an der prallen Sonne an meinem Auto und hätte fast noch einen Kreislaufzusammenbruch erlitten. Eine vorbeigehende Frau hatte jedoch bemerkt, das ich am umkippen war und sprach mich sofort an. Bei dieser Unterhaltung habe ich mich dann wieder gefangen und kurz darauf kam auch schon mein Vater zum Auto. Nach einem kräftigen Schluck Wasser ging es mir sofort wieder besser. Wir haben noch schnell an der Unfallstelle mein Fahrrad abgeholt und sind dann in Richtung A8 gefahren. Leider war die A8, an einem Sonntag in der endenden Urlaubszeit, sehr stark befahren und wir kamen nur sehr zögerlich vorwärts. Irgendwann haben wir dann im Radio gehört, dass sich vor der Abfahrt Irschenberg 10 Kilometer Stau gebildet hatte. Letzten Endes haben wir 4 ½ Stunden bis zum Krankenhaus nach Leutkirch gebraucht.

Ich konnte nun endgültig nicht mehr laufen und so wurde ich am Auto mit einem Rollstuhl abgeholt. Nach dem Röntgen kam dann die schonungslose Diagnose: Ich hatte einen Schlüsselbein- und Beckenbruch. Das Schlüsselbein wurde bereits am Montag operiert und mit einer Metallplatte fixiert. Bei der CT am nächsten Tag kam heraus, dass ich im Becken einen Haarriss am Scham- und einen am Sitzbein habe. Diese beiden Brüche wurden jedoch nicht operiert und müssen somit von alleine zusammen wachsen. Der Heilungsprozess wird wohl noch etwas Zeit in Anspruch nehmen.

Mir geht es mittlerweile viel besser und so habe ich noch im Krankenhaus mein neues Rennrad bestellt. Auch die ersten Planungen für das Frühjahrstrainingslager laufen bereits auf Hochtouren. Jetzt muss ich nur noch so schnell wie möglich gesund werden ;-)

Leistungsdaten & Streckenprofil
Ergebnisliste (DNF)